
Kapitel 1 – Freibadplaneten

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Kapitel 1 – Freibadplaneten
Es war der Sommer, bevor alles anders wurde – und er roch nach Chlor, heißem Beton und dem letzten bisschen Kindheit. Ich lag am Rande des Schwimmbeckens, mein nasses Handtuch klebte am Rücken und die Sonne glühte, als wollte sie etwas wegbrennen, das wir noch festhielten.
Neben mir lag David, wie immer halb im Schatten, halb in irgendeinem Tagtraum. Sonnenbrille auf, Arme hinter dem Kopf verschränkt, als gehöre ihm dieser Sommertag.
David sah gut aus. Nicht auf eine aufdringliche Art, mehr so, wie jemand aussieht, der nicht viel tun muss, um aufzufallen. Lange, sonnenhelle Haare, die ihm lässig ins Gesicht fielen. Klare Gesichtszüge, markante Augenbrauen, hellblaue Augen.
Er wirkte, als würde ihn nichts aus der Ruhe bringen – als hätte er schon alles gesehen und nichts mehr zu beweisen.
Ich war eher das Gegenteil. Mein Blick war oft auf dem Boden, bevor er auf Menschen traf. Dunkelbraune Haare, Mittelscheitel, Sommersprossen auf den Wangen, ein etwas zu ernstes Gesicht, das mehr Fragen stellte als Antworten gab. Ich war nie der Lauteste – eher der, der Dinge lieber einmal zu viel überdenkt.
„Okay, Jonas“, sagte David und setzte sich auf, mein zerfleddertes Notizbuch in der Hand. „Was steht bisher?“
Ich schob mich auf die Ellbogen hoch und wischte mir die nassen Haare von der Stirn. David blickte erneut auf das Notizbuch, welches ich ihm vor einigen Minuten gegeben hatte. Hier hatte ich feinsäuberlich die Pläne für die anstehende Tour aufgeschrieben. Adressen von Sehenswürdigkeiten und Unterkünften, eine Packliste, Notfallnummern – eben alles, was auf der Reise wichtig werden könnte.
„Zwei Rucksäcke. Ein Auto. Null Plan“, grinste David. „Perfekt.“
Wir lachten. Dieses Lachen, das sich anfühlt wie ein Sprung vom Fünfer – wild, frei und ein bisschen schwerelos.
„Erste Station: Amsterdam“, meinte David, die Augen halb geschlossen. „Vier Nächte im Hostel. Danach Süden?“
Ich nickte, nahm mir das Notizbuch und blätterte durch die Seiten. „Ich hab zwei Optionen rausgesucht. Entweder über Belgien nach Frankreich runter. Marseille wäre eine Möglichkeit. Oder zuerst ein paar Tage in die Schweiz, bevor es dann Richtung Bella Italia geht!“
David schaute auf: „Pizza, Vino, Vespa-Romantik?“ Er grinste breit und gestikulierte theatralisch mit zusammengeführten Fingern, ganz wie ein Italiener aus der Klischeekiste.
„Ciao bella und so.“
Ich rollte die Augen, obwohl ich lachen musste. Typisch David. Immer ein bisschen Film, immer ein bisschen drüber – aber nie unecht.
„Und dann?“, fragte er.
„Wieder hoch und nach Kroatien. Meine Schwester heiratet ja dort. Und du bist doch auch eingeladen.“
„Stimmt.“ Er drehte den Kopf zu mir. „Und du hast echt schon alles geplant?“
Ich hob die Schultern. „Nicht alles. Aber ich find’s gut, zu wissen, wo’s langgeht.“
„Klar“, sagte er und schloss kurz die Augen. „Ich komm einfach mit. Wie so’n Anhänger an deinem Abenteuerzug.“
Ich wollte etwas sagen – vielleicht, dass das nicht stimmte. Dass er derjenige war, der mich überhaupt dazu gebracht hatte, den Sommer nicht nur zu träumen, sondern ihm hinterherzulaufen. Aber ich sagte nichts.
Stattdessen hörte ich eine Weile einfach nur zu, wie das Wasser in Wellen gegen den Beckenrand schlug, wie die Welt einatmete. Ich ließ mich wieder zurücksinken.
Die Sonne blendete selbst durch meine geschlossenen Lider. In der Ferne quietschten Sprungbretter, irgendwo lief Crazy in Love von Beyoncé. Es war dieser typische Sommertag, der irgendwie nichts wollte, außer da zu sein. Und mehr musste dieser Tag gar nicht sein.
Ein paar Jungs aus unserem Jahrgang kamen vorbei, winkten rüber und einer rief: „Na, gönnst dir auch mal ’ne Pause, Jonas?”
Ich blickte verschreckt auf, David streckte die Hand zum Gruß hoch. Kurze Zeit später saßen wir zusammen auf den warmen Fliesen vor dem Kiosk, jeder mit einer Pommesschale in der Hand. Ich tunkte eine Pommes in die Mayo, sog das fettige Salz von meinen Fingern.
„Schon verrückt“, sagte einer aus der Runde, während er die Füße ins Wasser tauchte. „Dreizehn Jahre Schule ... einfach so vorbei.“
„Und das meiste davon sofort wieder gelöscht“, warf David ein und grinste schief. „Mein Hirn hat auf Reset gedrückt.“
„Meins nicht,” sagte ich. „Ich erinnere mich an alles, was ich nicht brauche.”
Alle lachten. Es war verrückt – eben noch im Klassenzimmer, jetzt auf einmal frei. Kein Stundenplan, kein Pausengong. Nur diese riesige, unbeschriebene Zukunft. Und irgendwie machte mir das mehr Angst, als ich mir eingestehen wollte.
David warf sich plötzlich rücklings ins Wasser, dass die Wellen bis zum Beckenrand spritzten. Ich wischte mir das Chlor aus den Augen, während er wieder auftauchte, mit seinem typischen Grinsen, das irgendwie immer sagte: Na los, trau dich!
„Die Revanche kommt“, rief ich.
„Auf die Schultern!“, schallte es von einem meiner Mitschüler zurück.
„Schulterkampf! Jonas mit David, ich mit Leo!“
Ehe ich widersprechen konnte, war ich schon auf Davids Schultern. Seine Hände packten sicher meine Oberschenkel, sein Körper unter Wasser fest wie ein Fels. Ich kippelte, fand das Gleichgewicht und lachte. Vor uns richtete sich Leo auf. Der Leo aus dem Mathe-Kurs. Ich kannte ihn kaum. Also, eigentlich. Nicht so richtig.
Sein nasses Haar hing ihm wuschelig ins Gesicht, dunkle Locken, die wie zufällig schön fielen. Sonnengebräunte Haut, kleine Wassertropfen, die langsam über seine Brust perlten. Seine Lippen waren voll, fast weich wirkend, selbst wenn er grinste. Und wie er grinste – fast überheblich, als wüsste er genau, dass alle hinsahen.
Er hatte dieses Lässige an sich. Diese Art von Körper, die nicht posieren musste, um aufzufallen. Muskeln, Sixpack, breite Schultern. Nicht übertrieben. Aber perfekt. Unübersehbar.
Er kletterte auf die Schultern seines Kumpels und streckte die Arme aus wie ein Gladiator.
„Bereit, Jonas?“, fragte er – und sein Blick traf meinen. Nur einen Moment lang. Direkt. Spielerisch. Vielleicht auch etwas mehr. Vielleicht bildete ich mir das auch nur ein.
Mein Herz klopfte plötzlich schneller, nicht mehr nur vom Spiel. Ich schluckte trocken, spürte Davids Atem an meinem Knie. Das Wasser glitzerte. Alles war Sommer. Alles war in Bewegung.
„Los geht’s!“, rief Leo.
Dann krachte er gegen mich und alles wurde ein wildes, lachendes Gerangel aus Armen, Wasser, Strampeln. Ich versuchte gegenzuhalten, rutschte fast von Davids Schultern, klammerte mich wieder fest. Es war chaotisch, warm und laut. Und doch – in all dem Trubel – war da dieser eine Gedanke, den ich kaum fassen konnte:
Seine Haut war so nah.
Und: Warum denke ich überhaupt so etwas?
Als die anderen irgendwann gingen, blieben David und ich noch sitzen. Der Himmel färbte sich langsam ins Orangene, die Luft wurde milder.
„Und?“, fragte David irgendwann. „Was machst du jetzt nach der Schule?“
Ich zuckte die Schultern.
„Keine Ahnung. Vielleicht irgendwas mit Schreiben. Vielleicht gar nichts.“
„Du bist gut im Schreiben“, sagte er.
„Du auch im Reden.“
Er grinste. „Deshalb werde ich Medizin studieren. Reden hilft, wenn’s ernst wird.“
Ich sah ihn an.
„Du hast einen Plan. Ich nicht.“
„Du brauchst keinen“, sagte er. „Du brauchst Mut.“
Ich sah auf meine Hände. Sie waren schrumpelig vom Chlorwasser.
„Ich hab ein bisschen Angst.“
„Davor, was kommt?“
„Davor, nicht zu wissen, was kommt.“
Er schwieg kurz. Dann sagte er: „Vielleicht ist das genau der Punkt, Jonas. Dass man nicht weiß, was kommt. Und trotzdem losgeht.“
David sah mich ernst an und fügte leise hinzu:
„Man kann sich nicht immer auf Sicherheit verlassen. Manchmal muss man einfach vertrauen – in sich selbst und darauf, dass der Weg sich zeigt, während man ihn geht.“
Ein leichter Wind kam auf, spielte mit den Blättern der Bäume und kühlte die erhitzte Luft. David stand auf, streckte sich und bot mir die Hand an, um mich hochzuziehen.
„Komm, lass uns noch eine Runde schwimmen“, sagte er mit einem Augenzwinkern.
Ich ergriff seine Hand und ließ mich von ihm hochziehen. Das Wasser war jetzt ruhiger, die meisten Leute waren gegangen. Es war fast surreal in diesem friedlichen Moment, als ob die Zeit stillstand. Wir schwammen eine Weile nebeneinander her, jeder in seinen eigenen Gedanken versunken.
Kurz bevor das Freibad schloss, stiegen wir aus dem Wasser, trockneten uns ab und sammelten unsere Sachen ein. David klopfte mir auf die Schultern, als wir den Weg zurück zum Parkplatz gingen, wo unsere Fahrräder standen.
„Denk dran, Jonas“, sagte er. „Mut ist alles.“
Ich lächelte.
„Danke, David. Wirklich.“
Mit dem Fahrrad fuhren wir nach Hause, als die Sonne sich langsam dem Horizont entgegenschob und den Himmel in ein tiefes Abendblau färbte. Die Räder knirschten leise auf dem Kiesweg, und die Wärme des Tages lag noch schwer in der Luft. Nach einigen Minuten trennten sich unsere Wege, jeder fuhr in eine andere Richtung davon.
Ich fuhr an vertrauten Orten vorbei – dem Spielplatz, dem kleinen Kiosk, wo wir als Kinder unser Taschengeld für Süßigkeiten ausgegeben hatten, und dem See, dessen Oberfläche jetzt im Abendlicht schimmerte.
Ich dachte noch lange über Davids Worte nach. Tief in mir spürte ich: Er hatte recht. Aber mein Kopf wollte trotzdem Listen machen. Sicherheit, wo keine war.
Und diese Reise – dieser Sommer – würde das vielleicht ändern.
Vielleicht würde ich lernen, loszulassen.
Vielleicht.
Wenn du wissen willst, wie es weitergeht:
"The Great Summer Tour" erscheint am 12. September!